Beninisch-deutsche Geschichte

                                                                                                              Stand: Februar 2008

Mit "Es war einmal…" beginnen viele Märchen, und es war einmal eine Zeit, als Deutschland Benins bzw. Dahomeys größter Handelspartner war, als elf bedeutende deutsche Unternehmen in Benin Niederlassungen unterhielten und deutsche Investitionen alle anderen in den Schatten stellten. Dieses Märchen liegt nun ein Jahrhundert zurück und damals, vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges, beherrschten deutsche Firmen in einem Maße den Markt des der Kolonie Togo benachbarten Dahomey, daß der französische Generalinspekteur der Kolonien 1915 nach Verschwinden der lästigen und erfolgreichen Konkurrenz festellte: "De toutes les colonies francaises de la côte occidentale d’Afrique, le Dahomey etait celle qui, avant la guerre, avait le plus subi l’emprise germanique. Le commerce et le pavillon allemand y tenaient une place preponderante". Im Jahr vor Ausbruch der Kriegshandlungen, 1913, lieferte das Deutsche Reich rd. 15% aller für Dahomey bestimmten Importe und nahm 62% der für den Export bestimmten Waren ab. Dieses Phänomen war seit den 90er Jahren des 19. Jhds zu beobachten gewesen, denn schon 1901 hatten die Deutschen mit Abstand alle anderen am Markt der franz. Kolonie interessierten Staaten mit 44% Beteiligung an deren Einfuhren und 47% an den Ausfuhren aus dem Felde geschlagen. Deutsche, vor allem hanseatische Firmen wie J.K. Vietor, Goedelt oder Althof hatten meist ihre Firmensitze in Ouidah, dem damals wichtigsten und nahe der togoischen Grenze gelegenen Hafen Dahomeys und die bis heute in Afrika legendäre Woermann-Reederei sicherte den Transport von und nach Europa. Bei Kriegsbeginn wurde das Vermögen in Land-und Sachwerten der deutschen Firmen auf eine Investitionssumme von 4 Mio franz. Franc geschätzt.

Lange vor der Eroberung Dahomeys durch die franz. Armee hatten sich Deutsche in der Region niedergelassen, und schon im 17. Jhd wird in den Annalen ein brandenburger Kaufmann, M. Carolof, erwähnt, der für die niederländische Kompanie in Save, 7 km von Ouidah entfernt, eine Handelsstation betrieb, die er heimwehkrank "Pillau" getauft hatte. Es waren anfangs wohl in erster Linie in holländischen Diensten stehende Deutsche, die in diesen Teil Afrikas gelangten: Holland warb für seine Kolonialunternehmungen aus Mangel an eigenem Personal viele seiner Soldaten und Kolonialbeamten aus den damaligen, bitterarmen deutschen Ländern an Aber auch Brandenburg-Preußen versuchte sich zeitweilig direkt im Handel mit Westafrika durch Errichtung von befestigten Handelsplätzen etwa an der Goldküste (heutiges Ghana) im 17. Jhd, gab dieses Abenteuer dann Anfang des nächsten Jahrhunderts aber wieder auf. Bekanntermaßen war es vor allem der Sklavenhandel, der hohe Profite brachte und außerhalb der Goldküstenhäfen war vor allem Ouidah (engl. Whydah) für dieses Geschäft berüchtigt. Vom 17. bis 19. Jhd gab es in Ouidah  sowohl französische, englische, holländische, portugiesische und dänische Faktoreien, von denen aus das damalige "schwarze Gold" verladen wurde. Eine direkte Involvierung deutscher Firmen in den Sklavenhandel ist nicht bekannt, wohl aber vermittelten einige deutsche Handelshäuser sog. „Leiharbeiter“ für Belgisch-Kongo und Kamerun, die – so wird vermutet - von König Behanzin aus Abomey als Bezahlung für Waffen „geliehen“ wurden. Diese Waffen kamen gegen die französischen Truppen im zweiten Dahomey-Feldzug 1892 zum Einsatz. Dabei verloren auch drei Deutsche und ein Belgier, die auf Seiten Behanzins gekämpft hatten, vor den Erschießungspelotons der siegreichen französischen Armee ihr Leben. In den folgenden Jahren verließen sich die deutschen Firmen in Ouidah dann offensichtlich wieder mehr auf die Tugenden des „ehrbaren hamburger Kaufmanns“ und waren damit wie beschrieben höchst erfolgreich. Jedenfalls spürte die Bevölkerung Dahomeys nach Aussage von Helene d’Almeida Topor in ihrem Buch zur Wirtschaftsgeschichte Dahomeys den Ausfall der Deutschen bei Ausbruch des ersten Weltkriegs sehr schmerzlich, da Zucker, Mehl, Eisenprodukte, Kleinwaren und vieles mehr plötzlich zu Mangelwaren wurden. Schmerzlicher noch dürften die in Abomey als feindliche Ausländer internierten 500 Deutschen aus Togo und Kamerun den für sie ungewohnten Verzicht auf europäische Luxusgüter sowie den Verzicht auf Freiheit und den Zwang zu körperlicher Arbeit empfunden haben. 35 von ihnen starben während der Haft. Der für seine Kriegsbücher in den zwanziger und dreißiger Jahren bekannte Schriftsteller Hanns Grimm hat ihnen in dem Buch "Der Ölsucher von Duala" ein Denkmal gesetzt.

Deutschland verlor nach dem ersten Weltkrieg seine Kolonien. Die permanente politische und wirtschaftliche Krise der Weimarer Republik ließ das Interesse an Afrika auf das Exotische schrumpfen, auch wenn seit 1921 wieder Dampfer der Woermann-Reederei den Linienverkehr nach Afrika aufnahmen. Für mehr als ein halbes Jahrhundert beschränkten sich die deutsch-beninischen Beziehungen auf den Besuch des einen oder anderen deutschen Abenteurers, der die französischen Afrikabesitzungen bereiste. Erst seit der Unabhängigkeit Benins im August 1960 begannen sich die Beziehungen wieder zu intensivieren. Die Bundesrepublik gehörte zu den ersten Staaten, die die junge Republik Dahomey anerkannten und schon am 12. August 1960 übergab Botschafter Axenfeld, der in Abidjan residierte, sein Beglaubigungsschreiben (ein Jahr später, am 15.06.1961, wurde der erste beninische Botschafter in Bonn, Marcel Dadjo, akkreditiert). Zwei Jahre später wurde Theodor Axenfeld von August von Kameke als Missionschef, jetzt mit Sitz in Cotonou, abgelöst. Die politischen bzw. diplomatischen Beziehungen zwischen unseren beiden Staaten haben bis heute keine Unterbrechung gekannt. Auch während der marxistisch-leninistischen Revolutionsperiode Benins blieb die Bundesrepublik mit einer Botschaft vor Ort, während die DDR ihre Interessen weiter von Lagos aus wahrnahm. Trotz der ideologischen Nähe zur DDR hat Benin sich nie einseitig für den einen oder anderen der deutschen Staaten erklärt. Präsident Kerekou machte nie ein Hehl daraus, daß er die Errichtung der Mauer wie die Trennung Deutschlands generell als unnatürlich empfinde.

Nicht verwunderlich daher, daß die seit den sechziger Jahren guten, wenn auch politisch nicht besonders intensiven bilateralen Beziehungen mit der deutschen Wiedervereinigung 1989/90 sowie dem Wechsel des politischen Systems in Benin von einem sozialistischen Einheitsstaat zur liberalen Demokratie einen starken Auftrieb erlebten, der bis heute anhält.

Was die Beziehungen in den ersten drei Jahrzehnten vor allem prägte war die langsam aber kontinuierlich ansteigende Entwicklungszusammenarbeit. Diese begann 1963 mit der Zusage zur Finanzierung einer Ölmühle in Cotonou für 12 Mio DM, der wegen ihres Erfolges eine zweite 1972 in Bohicon folgte, und setzte sich fort mit einem Projekt zum Ausbau der Wasserversorgung für Porto Novo (rd 4 Mio DM), an das sich ebenfalls weitere Projekte dieser Art in den Städten Bohicon, Abomey und Lokossa anschlossen. Wasser ist neben Landwirtschaft (die Versuchsfarm Tori-Cada wurde 1964 begonnen) bis heute einer der Schwerpunktsektoren der deutschen entwicklungspolitischen Zusammenarbeit (EZ) geblieben. Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbei (GTZ) und der Deutsche Entwicklungsdienst (DED) nahmen in dieser Zeit ihre Arbeit auf und zeitweilig zählte der DED in Benin zur kopfstärksten Mannschaft in ganz Afrika. Einige deutsche Experten erlangten einen geradezu legendären Ruf, darunter der junge deutsche Mediziner, Dr. Richter, der in Savalou das Gebietshospital aufbaute und den "die Afrikaner schätzten wie Dr. Schweitzer in Lambarene", wie es in den Memoiren von Dagny Wand, der Frau des deutschen Botschafters in Cotonou (1971-1975) heißt. Dr. Richter, Chefarzt der neurochirurgischen Abteilung der Universität Ulm, ist bis heute dem Land verbunden geblieben und widmet jedes Jahr einen Teil seines Urlaubs Patienten in Benin. Auch beim Auf- und Ausbau des Radios hat sich die Bundesrepublik in dieser frühen Phase der Zusammenarbeit engagiert und deutsche Stiftungen haben die Pionierarbeit dann in den 90er Jahren weitergeführt. Ein erster Schuldenerlaß von insgesamt 34,4 Mio DM wurde Benin 1979 gewährt. Mit dem Schuldenerlaß von 2003 im Zuge der Kölner Entschuldungsinitiative gab Deutschland auch die letzten noch bestehenden Ansprüche aus der bilateralen EZ auf. Aus bescheidenen Anfängen ist inzwischen ein Entwicklungsprogramm geworden, das sowohl mit Quantität wie Qualität aufwarten kann. Benin ist ein Schwerpunktland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, auf dessen Konto nach den letzten EZ-Verhandlungen vom Juni 2004 insgesamt 540 Mio Euro bilaterale Zusagen entfallen (seit Beginn der EZ 1963). Zukünftig sollen die Mittel in erster Linie den drei vereinbarten Schwerpunkprogrammen - Landwirtschaft/Umweltschutz, Wasser und Dezentralisation - zugute kommen. Diese besondere Stellung verdankt Benin seiner politischen Wandlung vom sozialistischen Einheitsstaat zur liberalen Demokratie 1989/90, dem Jahr als auch als in Deutschland die Mauer fiel. Der friedliche Übergang mittels einer von allen politischen Kräften getragenen Nationalkonferenz und der friedliche Wechsel an der Spitze des Staates hatten Vorbildcharakter für andere Staaten Afrikas und Benin hat sich seitdem als eine Achse der Stabilität in einer unruhigen Region erwiesen. Vor allem in der Außenpolitik spielt das kleine Land eine einflußreiche und konstruktive Rolle, die ihm einen regionalen und globalen Einfluß verschafft, der in keinem Verhältnis zu seiner wirtschaftlichen oder militärischen Stärke steht. Während der politische Aspekt unserer Beziehungen in den früheren Jahrzenten eher eine unscheinbare Rolle gespielt hat, ist er nun zur treibenden Kraft geworden. Der politische Wandel in Benin ist auch mit dem Namen des deutschen Botschafters Fritz Hermann Flimm verbunden, dessen Einsatz und Vermittlungstätigkeit während der stürmischen Tage der frühen 90er Jahre noch heute von vielen Beninern dankbar gewürdigt wird. Zu kurzer Prominenz brachte es schon vor ihm wegen politischer Standfestigkeit Karl Wand, der den Botschafterposten während des Militärputsches 1972 und der ersten "heißen" Revolutionsjahre inne hatte. Ihm wurde von den jungen Revolutionären der Titel des "größten Anti-Revolutionärs des diplomatischen Corps" verliehen. Evtl. hatte dies aber nicht nur mit seiner politischen Gradlinigkeit, sondern auch mit den in den Augen mancher Heißsporne "dekadenten" Beschäftigung seiner Frau als Ballettmeisterin der höheren Töchter Cotonous zu tun.

Sehr deutlich wurde die neue politische Bedeutung Benins am sprunghaft angestiegenen hochrangigen Besucheraustausch. Zwar hatte es 1978 schon eine Halbtagsvisite des damaligen Bundesminsters für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Offergeld, in Benin gegeben. Vereinzelt besuchten vor und während der Revolutionsjahre Parlamentarier, Länderminister und Staatssekretäre bzw Staatsminister das kleine Dahomey/Benin. Nach dem Umbruch 1990 nahmen die Besuche von Abgeordneten stark zu, flankiert durch eine gemeinsame Visite der deutschen und französischen Entwicklungshilfeminister 1991 sowie der deutschen Ministerin für wirtschaftliche Kooperation und Entwicklung im Frühjahr 2004, die Benin nur ein Jahr später, im April 2005, ein weiteres Mal besuchte. Im Jahre 2003 kam die Ehefrau des Bundespräsidenten, Christina Rau, in ihrer Funktion als Schirmherrin von UNICEF-Deutschland nach Benin. Im gleichen Jahr stattete Präsident Kerekou der Bundesrepublik einen offiziellen Besuch auf Einladung von Bundespräsident Rau ab. Im Dezember 2004 erwiderte der neue Bundespräsident Köhler mit einer großen Delegation diesen Besuch, der in den beninischen Medien als Meilenstein der bilateralen Beziehungen gefeiert wurde. Präsident Boni Yayi stattete Deutschland im Oktober 2006 einen offiziellen Besuch ab und war 2007 Gast des dritten Afrikaforums des Bundespräsidenten in Kloster Eberbach. Die Zahl der beninischen Minister und anderen hochrangigen Offiziellen, die in den Jahrzehnten seit der Unabhängigkeit in offizieller, semi-offizieller oder privater Mission Deutschland bereist haben, übertrifft noch bei weitem die der deutschen Benin-Reisenden.

In die Zeit nach dem demokratischen Umbruch fällt auch der Beginn einer engen Zusammenarbeit im militärischen Bereich. 1992 begann eine vierköpfige Beratergruppe der Bundeswehr ihre Arbeit in Benin. Beninische Soldaten aller Waffengattungen erhalten in Deutschland eine Ausbildung. 

Um die Propagierung und Verankerung demokratischen Gedankenguts wie demokratischen Handelns haben sich seit dem politischen Umbruch in besonderer Weise die deutschen Stiftungen in Benin verdient gemacht. Das Engagement der deutschen Nichtregierungsorganisationen hat vor allem im Gesundheitsbereich sichtbar Früchte getragen (Kampf gegen Aids und Genitalverstümmlung, um nur einge Felder der Aktivität zu nennen).

Deutschland genießt einen ausgezeichneten Ruf im Lande. Die Besucher wurden und werden durchwegs mit offenen Armen empfangen; denn nicht wenige Beniner kennen Deutschland aufgrund ihres Studiums oder sprechen Deutsch aus Schulzeiten. Deutsch war und ist nach Französisch und Englisch dritte Fremdsprache. Zeitweilig waren allein bis zu 15 deutsche Freiwillige als Lehrer für ihre Sprache im Lande tätig. Auch im kulturellen Bereich, etwa der Restaurierung eines der Königspaläste in Abomey, der Unterstützung der „Ecole Patrimoine Africain“ oder der Veranstaltung von Musik- und Filmabenden hat sich Deutschland trotz Fehlen eines Goethe-Instituts vor Ort profiliert, genauso wie sich beninische Künstler etwa auf der Dokumenta in Kassel, einem der wichtigsten Kunstereignisse Europas, präsentiert haben. Daß bei solch engen Verbindungen auch die wissenschaftliche Kooperation nicht ausgespart bleibt, versteht sich beinahe von selbst. Besonders sichtbar ist zur Zeit die Erforschung von Wassereinzugsgebieten durch verschiedene gemeinsame Aktivitäten, die interdisziplinär und international angelegt sind.

Nur auf dem Gebiet, das die Deutschen vor hundert Jahren dominierten, nämlich dem des Handels und der Investitionen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wenig getan. Zeitweilig lag Deutschland als Handelspartner mit weitem Abstand zu Frankreich in den 70er Jahren nochmal für ein paar Jahre auf Platz zwei. Bis vor wenigen Jahren unterhielt auch die Reederei „West-Afrika Linien Dienst“ noch eine regelmäßige Verbindung nach Cotonou, aber einen ersten Platz erreichte die Bundesrepublik kurzfristig nur als Geber Mitte der 80er und Mitte der 90er Jahre. Inzwischen beginnen die asiatischen Partner wie China und Indien aber natürlich auch Nachbarn wie Nigeria die Europäer von den ersten Plätzen zu verdrängen. Dies gilt auch für die Investitionen, bei denen Deutschland unter ferner liefen läuft. In den 60er/70er Jahren hielt die Deutsche Bank zusammen mit einem italienischen Partner zeitweilig rd. 11% des Kapitals der „Societe dahomeen de Banque“ und die Deutsche Entwicklungsgesellschaft hat sich am Kapital der von Cotonou aus operierenden „Bank of Africa“ beteiligt. Ansonsten ist neben Vertretungen der bedeutendsten deutschen Autohäuser, einem Einkaufskomplex mit Restaurants und Bars, einer Hotelanlage am Strand sowie der Firma Sysmex (Wahl von Cotonou als Standort für den Verkauf von Blutuntersuchungsgeräten in Afrika) nur noch eine Großinvestition zu nennen, und das ist CIMBENIN, die Zementfabrik an der Straße zwischen Cotonou und Porto Novo (Eigentümer ist Heidelberger Zement). Vertreten sind ferner die Allianz-Versicherung und DHL. Trotz immer wieder bekundeten Interesses deutscher Investoren sind die Rahmenbedingungen auch im Vergleich etwa zu anderen afrikanischen Staaten wie Botswana, Mauritius oder Ghana (noch) nicht verlockend genug, und es dürfte noch einiges Wasser den Niger, Mono und Oueme hinunterfließen, bevor Deutschland wieder an die Stellung als bevorzugter Wirtschaftspartner wie vor hundert Jahren anschließen kann.

Bilaterale Geschichte

Der erleuchtete Haupteingang des Auswärtigen Amts am Werderschen Markt